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LE CHÂTEAU BÉTON

Nie wird Franca Pilz die Einweihungsparty vergessen. Sie hatte den Zauberer Thorsten Happel eingeladen. Am Ende des Abends, als nur noch wenige Gäste anwesend waren, zeigte er ihren Lieblingskartentrick. Der Sohn der Nachbarin zog eine Karte, schrieb seinen Namen darauf, die Karte wurde zurückgesteckt und der Magier Happel umwickelte den Kartenstapel mit Gummibändern. Dann warf er das gut verschnürte Bündel an die 4m hohe Decke. Der Stapel zersprang, 52 Spielkarten regneten herab, Asse und Buben, rot und schwarz. Nur eine Karte blieb kleben. Der Pik-König auf dem Philipp stand.

Das war vor sechs Jahren und noch immer ist die Karte dort oben, wie ein Beweis für die Magie, die von diesem Ort ausgeht. „Ich sehe sie noch vor mir, ein halbes Dutzend Erwachsener mit in den Nacken gelegten Köpfen, starren wie Kinder an die Decke, ungläubig und sprachlos“ sagt sie und lächelt. Der Pik-König ist seitdem ihr Glücksbringer. Er hat diesen Ort mit Verzauberung und Staunen eingeweiht. Manchmal gibt es einen, der unter die Karte schauen möchte, um zu erfahren, wie sie dort festgemacht sei. Kleber? Kaugummi? Aber das, sagt sie, käme ihr nie in den Sinn. „Manche Dinge müssen ihr Geheimnis behalten.“

 

Angefangen hat Franca Pilz als freiberufliche Visagistin, aber ziemlich schnell wechselte sie die Seiten und steht nun seit 16 Jahren selber vor der Kamera, als Model und Darstellerin in Anzeigen und Werbespots. „Ich bin heute noch erstaunt, wenn ich für große Jobs gebucht werde, weil ich denke: von mir gibt‘s Hunderttausende überall“, sagt sie. „Und dennoch sagen manche Kunden sofort: die wollen wir, die strahlt Vertrauen aus.“ Wenn der Spot dann im Fernsehen läuft, schaut sie ihn sich nicht mal an, es interessiert sie nicht. „Ich habe ja nicht mal einen Fernseher“, lacht sie. Die Arbeit vor der Kamera  findet sie immer noch schön und aufregend, auch nach all den Jahren.

Neben der Arbeit als Model, begann sie als Sprecherin und Moderatorin für Radio und Fernsehen zu arbeiten. In dieser Zeit entdeckte sie auch ihre Liebe fürs Vorlesen. Sie suchte einen Ort, für ihre Leidenschaften, ein Ort, wo sie ihrer Leselust frönen, wo sie Menschen zusammenbringen und wo sie auch leben kann. Irgendwann stand sie in diesem alten Fabrikgebäude in Düsseldorf-Heerdt, mitten in einem Industriegebiet, wo früher Keramiken hergestellt wurden. Im Stockwerk unter ihr ragen noch immer die Reste von einem Dutzend Öfen trichterförmig aus der niedrigen Decke. Von dort lief die Glut in die Kessel und noch bis vor kurzem rieselten noch immer Kiesel und Sand heraus, obwohl die Öfen seit über 20 Jahren erloschen sind.

„Als ich damals den Raum betrat“, sagt sie, „hatte ich sofort das Gefühl, hier gibt es gar nichts zu überlegen, weil all deine Ideen, Gedanken und Wünsche vereinen sich hier, du stehst mittendrin, du musst nur Ja sagen.“ Sie hatte sofort eine Vorstellung von dem Raum, so wie er sein sollte und die Wände, die ihr dabei im Wege standen, hat sie mit einem Vorschlaghammer herausgeschlagen, hat den schönen Holz- boden selbst verlegt und stand tagelang auf einer riesigen Leiter um die Wände und Decken zu streichen. Bis es zu dem wurde, was sie damals darin gesehen hatte.

Heute hat sich die Fabrikhalle in ein wunderschönes Loft verwandelt, auch wenn sie das Wort Loft nicht mag, weil es das Lieblingswort der Immobilienmakler geworden ist. Ein Maisonette, mit hohen weißen Decken und einer riesigen Fensterwand, die einen spektakulären Blick auf  Düsseldorf bietet. Besonders abends, wenn die Lichter angehen und man das Riesenrad in der Ferne sieht, wenn Kirmes ist. „Und natürlich wollen alle hier Silvester feiern“, sagt sie. „Vor dem Fenster hat man das Düsseldorfer Feuerwerk und wenn man die Wohnungstür aufmacht, hat man noch das Neusser Feuerwerk von der andren Seite.“ Auf fast 360° ein bunter explodierender Nachthimmel.

Zu ihren Lieblingsstücken zählt die alte Hobelbank, die sie in vielen Stunden restauriert hat und auf der jetzt eine Küchenspüle aus Glas montiert ist. Ganz besonders aber liebt sie den langen Esstisch aus dunklem Holz. „Nicht nur weil ich ihn selber gebaut habe“, sagt sie, „er hat für mich auch etwas Symbolisches. Er steht für Gemeinschaft, für das zusammen sitzen und trinken, zusammen essen und erzählen.“

Sie hat ein persönliches und gastliches Umfeld geschaffen, an dem sie die Dinge vereint, die ihr im Leben wichtig sind. Gemeinschaft eben, Freunde und Bekannte, Menschen zusammen bringen, durch Literatur, Musik, Kunst und natürlich Vorlesen.

Sie hat hier schon Gedichte von Lorca und Neruda rezitiert, während eine spanische Musikgruppe Lieder aus den 40er Jahren sang. Sie hat aus dem Roman eines bekannten Autors gelesen und Fotos einer befreundeten Fotografin ausgestellt. Man muss sich den Raum mit Menschen vorstellen, mit Freunden, vielen Freunden und Wein und langen Gesprächen. Sie sitzt dann am Fenster, wenn sie liest und ist jedes Mal aufs Neue erstaunt über die Stille, die sich auf Ihre Zuhörer legt, erstaunt darüber, wie sehr sie Menschen nur mit Ihrer Stimme in den Bann zu schlagen vermag. Franca Pilz ist eine Frau, der man gerne zuhört, die zu erzählen weiß und die mit ihrer markanten Stimme ebenso verzaubern kann, wie ihr Bekannter mit seinen magischen Tricks.

Schnell sprach sich unter Freunden und Bekannten und darüber hinaus herum, dass es in diesem Dorf, das Düsseldorf noch manchmal ist, auch wenn es das immer verleugnen will, einen besonderen Ort gibt in einer ehemaligen Fabrik, wo der Pik-König über allen Gästen wacht. Eine Art Schnell sprach sich unter Freunden und Bekannten und darüber hinaus herum, dass es in diesem Dorf, das Düsseldorf noch manchmal ist, auch wenn es das immer verleugnen will, einen besonderen Ort gibt in einer ehemaligen Fabrik, wo der Pik-König über allen Gästen wacht. Eine Art Künstlersalon in einer alten Brennerhalle, wo interessante Menschen zusammen kommen in einem „Zimmer mit Aussicht“, wie sie es mit einiger Untertreibung nennt. Ein Freund gab dem Zimmer einen anderen Namen: „Le château béton“. „Jeder fühlt sich hier sofort wohl“, sagt Franca, „Ich glaube, es hat auch mit der Höhe zu tun. Menschen fühlen sich in der Höhe mit Weitblick sehr wohl, weil der Geist sofort frei wird. Die wenigsten wollen gehen, selbst wenn die Veranstaltung schon lange zu Ende ist.“ Kein Wunder, dass Fotografen die Location gerne für ihre Shootings buchen.

„Manchmal tu ich mir schwer mit Düsseldorf“, sagt sie. „Ständig muss hier alles schick gemacht, auf Hochglanz poliert werden“. Sie mag die Orte lieber, die eher untypisch sind für diese Stadt, der man gerne nachsagt, dass sie immer mehr sein will, als sie ist. Die kleinen Orte, die unscheinbar sind auf den ersten Blick, weil sie sich um eine schicke Fassade nicht kümmern. „Ich bin z.B. sehr gerne in der Sennhütte am Düsseldorfer-Zoo. Man guckt unten auf die Schienen und hat ganz lange die Sonne. Ganz charmant und ganz speziell und irgendwie gar nicht Düsseldorf.“ Die Olio Bar ist auch so ein Ort, die eine kleine Enklave geblieben ist, zwischen all den Hochhäusern drumherum. „Das gibt es hier sehr selten, alles wird wegsaniert, schick gemacht.“

Oder die verschwindenden Orte, die noch aus der Vergangenheit trotzig in die Gegenwart ragen, wie der alte Turm direkt auf der anderen Straßenseite. Von der traditionsreichen Glasmanufaktur, steht heute nur noch dieser einsame Turm, zugemauert und ohne Nutzen. Drumherum ist die Erde eingeebnet, bald kommen moderne Lagerhallen eines Logistikunternehmens. Der Turm wirkt in dieser Leere verloren, ein Mahnmal, das nur überlebt hat, weil es rechtzeitig unter Denkmalschutz gestellt werden konnte. „Im Sommer kamen die Maschinen“, sagt Franca, „Kräne, die aussahen wie Dinosaurier, haben den Stahl zerbissen. Der Stahl hat geschrien. Es war wahnsinnig laut und dreckig. Die ganzen alten Produktionshallen, alle weg. Wir haben wirklich geweint.“

Um sich manchmal von Düsseldorf zu erholen, fährt sie an ihren Lieblingsort: in den Grafenberger Wald, wo sie mit ihrer Hündin gerne zum Spazieren hingeht. „Wälder tun gut“, sagt sie, „das hat etwas therapeutisches.“

Eine letzte Frage bleibt noch. „Wenn ich Düsseldorf mit einem Satz beschreiben müsste?“ Sie überlegt nur kurz. „Ich  finde Düsseldorf manchmal ein bisschen zu eingebildet auf sich, zu poliert, zu sehr Fassade und auf Wirkung bedacht, da fehlt mir dann manchmal die Echtheit. Ich bin ja schon fast mein ganzes Leben in Düsseldorf, und irgendwas hält mich auch hier. Und das ist, weil es überschaubar ist. Weil meine Freunde hier sind. Und weil es hier ganz viel Herzlichkeit gibt.“ Und vielleicht auch weil es Orte, wie das „Le château béton“ gibt und Menschen, die es geschaffen haben wie Franca Pilz und andere, Freunde und Gäste, die es mit Leben und Lachen füllen.

Text: Özcan SüzerInterview: Özcan SüzerFotos: Anna Nikitina

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